Seiten

Mittwoch, 13. November 2013

Unfrankierte Postkarten: Mein bester Freund

Lieber Julian,

seltsam ist es wie die Zeit vergeht: So schnell in den Jahren, die wir zusammen waren und so quälend langsam in den Jahren, in denen du zur Erinnerung geworden bist. Ich vermisse dich so sehr. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders in Worte packen soll. Seit deinem Tod ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Unzählige Tränen habe ich vergossen, bis auch diese versiegten. Nicht etwa, weil die Qualen erträglicher geworden wären, sondern weil meine Welt stumpf und leer geworden ist. Ohne dich.
Erst gestern wurde ich schmerzhaft daran erinnert, wie unerwartet du aus meinem Leben gerissen wurdest: Ein junges Mädchen lief direkt an ihrer Mutter vorbei auf die Straße. Lautstark schrie der Vater "Halt! Warte!" und sprintete mit animalisch-schnellen Schritten hinter ihr her. Bis zur Straße hat sie es nicht geschafft, wofür wohl nicht nur ich dankbar war. Einige Stunden danach noch war ich von einer Art geisterhaften Schockstarre befallen - bis Erinnerungen mich an der Kehle packten und mit Momentum gegen die Wände meines Kopfes knallten. Jetzt sind quietschende Autoreifen und das Geräusch eines dumpfen, so furchtbar dumpfen, Aufpralls alles, was in mir herumspukt. Wie in einem schlechten Hollywood Film mit viel Drama und wenig Geschichte: Die überbelichteten Memoiren von lachenden Kindern, die durch einen Unfall ihr Leben verloren. Physisch auf einer Seite, moralisch/psychisch auf der Anderen. Ich weiß, dass ich viel zu oft - viel zu viele Belanglosigkeiten von mir gebe, doch egal, wie oft ich es auch schon sagte, oder auf welche Weise ich versuchte, es zu umschreiben, bitte lasse es mich noch einmal sagen: Ich vermisse dich.
Nach dir kam nichts mehr, nichts vergleichbares, nichts lohnendes. Das sind nicht nur Worte. Oh, bei meiner Seele, wie ich dich vermisse - jeden Tag, durch Kalmen-artige Tagträume und stürmische Alpträume. Wieviele Tage habe ich bereits mit dem Vergießen von Tränen verbracht? Wieviele Stunden habe ich mir die Schuld gegeben, habe mit "Hätte" und "Wäre doch" Ping-Pong gespielt wie Forrest Gump? Wieviele Jahre meines Lebens habe ich den Alltag nicht leben können, weil der Gedanke an dich jeden Wunsch auf Gefühle, Nähe und allgemeiner Lebendigkeit im Keim erstickte? Es scheint, als hätte ich nie die Vier Phasen der Trauer durchschritten. Vielleicht habe es das auch nicht.

Mein lieber Freund, mein engster Freund - siehst du ab und zu auf mich herab und denkst dir: "Was treibst du da eigentlich?"
Ich weiß, dass ich mir diese Frage ebenfalls oft stelle. Was mache ich hier eigentlich? Der Wunsch an deiner Stelle zu sein, ist so eitel und egoistisch, dass es ein Loch aus unendlicher, nicht aus zu sprechender Leere in mir erschuf. Weiter noch als die Entfernung zwischen uns, andererseits fühlt es sich gleich an. Gehüpft wie gesprungen - Autounfall wie Überdosis, oder Erhängen, oder - mein Favourit - Brückensprung. Überflutende Einsamkeit, ein Hase wird von der Bahn erdrückt. Als wäre dies nicht Bestrafung genug, höre ich überall - egal, wo ich auch bin - Türen. In der Hoffnung sie würden sich öffnen und du würdest mit einem Lächeln zurück kehren, doch höre ich immer nur das Schließen. Schließen. Schließlich die Schritte, die folgen und immer weiter fort gehen. Verhallend im Echo der unerwarteten Unendlichkeit meine Seelenmauern, auf denen groß und breit dein Name steht: Julian.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist. Nicht nur die Geheimhaltung, um sich selbst vor Unannehmlichkeitsängste und Panikattacken zu schützen. Nachdem du gestorben warst, trauerte jeder, der dich kannte. Jeder weinte und flehte. Und ab diesem Tag konnte ich in den Augen der Menschen immer nur Herzschmerz und Verlust sehen. Manchmal war auch ein "Ich wünschte, dich hätte es getroffen" in ihnen. Wie ich mir dies auch wünschte: Gott, warum hat es mich nicht getroffen? Warum du? Warum?
Inzwischen bangt es mir, in fremde Augen zu sehen - in schierem Scham und Entsetzen, in Höllenängsten davor, nur noch diesen einen Blick in ihren Augen erkennen zu können; genau den Moment sehen zu können, in dem ihr Herz in tausend Stücke zerbricht. Selbst unsichtbar sein wurde mit der Zeit leichter.
Mit meinen Fingern taste ich die Kurven deines kleines Namenschildes ab. Es tut mir leid, dass ich dich zu einem solch materiellem Wert komprimiert habe. Dein Grab kann ich nicht besuchen, weil ich von der Nachwelt beim Morgenflüstern verfolgt werde; schon im Kaffee schwimmt der Tod mit still-schreienden Augen, Spinnenfinger auf meinen Schultern. Als wollen sie sagen: "Es gibt einen Weg, dass ihr wieder zusammen sein könnt." Wenn Therapeuten und Ärzte auch behaupten, dass dieses Leben bedeutsamer sei, weiß ich noch immer nicht, was mich aufhält. Irgendwann werde ich den Preis zahlen müssen - die Schuld begleichen müssen. Unter Umständen verdanke ich dir mein Leben, nur kann ich nicht aufhören, mein Herz und meine dazugehörigen Bedürfnisse wie Aussätzige zu behandeln.
Julian, zwischen Glasperlen und Badezimmerböden warst du der sanfte Strahl der Abendsonne. Der Spielplatz inmitten von heruntergekommenden Plattenbauten: Du bist mein Fieber, an dessen Hitze ich zu ersticken drohe.
Sogar für diese Tinten-befleckten Finger aus Verben und Metaphern schäme ich mich, wenn meine Beine mit Narben übersäht und mein Kopf mit Risperidon, Mirtazapin und Citalopram modifiziert sind. Der Geruch von verwesendem Fleisch durchflutet den Weg, den ich einschlage. Mit schwarzer Poesie belastete Straßen führen zurück zu dir. Immer wieder zurück zu dir, Julian.
Daraus mache ich kein Geheimnis. Nicht einmal der Staub in meinen Venen hört noch auf meine Worte.

Wenn ein Auto an mir vorüber fährt, denke ich an dich. Das hat sich die letzten Jahre nicht geändert. Das wird sich in Zukunft nicht ändern. Und weißt du wieviel Autos es gibt? Viel zu viele.
Ich weine um dich, in Gedenken an dich.
Wie sehr ich dich vermisse...

In Liebe,
Emaschi

Kommentare:

  1. Berührend, tief...wunderschön.

    AntwortenLöschen
  2. oh das ist so schlimm.. kenn ich auch aus der Familie...und aus einem privaten Unfall. Jede noch so kleine Ähnliche Situation holt einen zurück, lässt einen erstarren und noch Tage lang wie in Trance...Ich wünsche dir sehr viel Kraft, wenn du jemanden zum Reden brauchst, bin ich gerne da. Fühl dich gedrückt...
    Und ich liebe deinen Schreibstil!

    AntwortenLöschen
  3. Ich fühle mit dir.. Es tut mir Leid, dass du mit dieser Last leben musst, so etwas verdient niemand &' erst Recht nicht du..

    AntwortenLöschen