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Freitag, 2. Dezember 2016

Kein Vertrauen

Doch es bricht mir immer wieder das Herz, wenn ich zurück denke und erkenne, dass es einfach keinen interessiert hat, wie es mir geht, was ich fühle und warum; warum ich kein Selbstvertrauen hatte, nicht immer die Wahrheit gesagt habe oder warum in mir nie der Wunsch verging, - noch als Kind - sterben zu wollen.
Auch wenn es so offensichtlich war, dass sie "die Zeichen" gesehen haben mussten: Sie haben weggesehen. Die Ärzte, die Lehrer, die Erwachsenen... Wahrscheinlich war ich der Zeit einfach nicht wert. Den Mühen schon gleich gar nicht.

Zwischenzeitlich hat sicherlich 1-2 Mal Interesse bestanden - ob es vorgetäuscht war, vermag ich nicht zu sagen-, doch dieses verlief schnell im Nichts, wenn die Reaktion nicht nach ihren Wünschen erfolgte.
Sie wollten nicht hinschauen, sie wollten nicht helfen. Ich war ein einsames, gebrochenes Kind und keiner wollte es sehen.
Bis heute kann ich kein Vertrauen fassen.

Ist das nicht ein trauriger Gedanke?

Donnerstag, 24. November 2016

Wildnis

Als ich neben dir her lief, bekam ich einen Sonnenbrand. Allerdings ist es November. Aber was bedeutet das schon, wenn nur in einem Menschen Minusgrade herrschen und die Umgebung fast 20°C aufweisen? Alpenföhn; ich habe Kopfschmerzen. Strenge Kälte vertrage ich ja auch nicht, doch wäre Schnee moralisch passender.
Wie jeden Tag bin ich bereit mein Leben zu beenden, mit dir. Nicht für dich zu sterben, mit dir. Damit wir Beide zum ersten Mal etwas machen, was wir schon immer wollten. Zu Mindest glaube ich, dass es immer so war. Lächerlich wie einfach wir uns gegenseitig unsere suizidalen Absichten auf den Tisch legen. Das Normalste auf der Welt, habe ich recht? (Offen gestanden möchte ich ja nur genug für jemanden sein, wenn es auch nur der Tod ist,)

Da wir gerade bei Geständnissen sind: Ich hasse Sex. Selbst mit all dem Alkohol wünschte ich mir jedes Mal innig, dass es schnell vorbei sein würde. Es ist nicht aus mir heraus zu kriegen: Diese Sehnsucht, nicht verlassen zu werden. Mach, nur mach schnell.
An dem Tag, an dem du gingst, schnitt ich mir in dir Oberschenkel. Schmerzhaft befreiend. Leider war es etwas tiefer als nötig, etwas unsauberer als möglich und etwas unbefriedigender als gewöhnlich. Zwei, oder drei, Tage später musste der Arzt die Wunden behandeln. Mit zu erwartendem Argwohn erläuterte er, dass ich hätte früher kommen sollen, damit er die Schnitte tackern hätte können. Während meiner Ausbildung beim Tierarzt haben wir das immer bei Schweinen gemacht. Ironischer Ausgleich des Lebens, findest du nicht auch?

Es tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin als Leonardo Dicaprio mit einem Bär rang. Ich ermüde schnell. Weißt du wovon ich noch schnell müde wurde? Davon, dass du ständig auf meinen Haaren gekommen bist, obwohl ich dir vier Mal sagte, dass ich das nicht möchte. Du hättest sogar in meinem Mund kommen können, aber du wolltest immer nur das erzwingen, was du wolltest.
Was sagt uns das letztendlich? Ich hätte es von Anfang an wissen sollen? Ich wäre gerade nochmal davon gekommen? Schwer zu sagen. Immerhin haben wir es alle nicht leicht und ich weiß - zu Mindest möchte ich gerne wissen -, dass du vieles nicht so meintest. Wobei wir eigentlich beim grundlegendem Problem sind: Du willst immer alles und ich weiß nicht einmal, was ich habe.

An dem Abend vor deiner Abreise sagtest du beiläufig zu mir: "Ich wünschte, du könntest mir mir nach Nürnberg ziehen."
Sicherlich, ich war verletzt, weil du erst drei Tage vorher auf die Idee kamst mir davon überhaupt zu erzählen. Allerdings war es nicht ausschließlich Wut als ich dir mit "Du hast ja nicht einmal gefragt" antwortete.
Hoffentlich hast du wenigstens kurz an mich gedacht als du über die A9 gerast bist. Sicherlich waren auf deinem Hemd Essensflecke oder deine Schuhe waren mit Schlamm beschmiert. Auf solche Details achtest du für gewöhnlich ja nicht.
Vielleicht hat das Umzugsunternehmen einen Karton fallen lassen und du lachst nur kurz darüber und winkst es ab. Da draußen auf dem Gehweg läuft ja auch eine hübsche junge Frau (mit langen Haaren, möchte ich meinen). Sicherlich hat sie viel längere Beine als ich, viel bessere Haut als ich, ist unternehmungslustiger als ich und versteht mehr von Liebe und Beziehungen als ich.
Bisher habe ich dich Herr Opfer genannt. Nicht zwingend als Abwertung, sondern als Einordnung.
Es fällt mir schwer, deinen richtigen Namen laut aus zu sprechen.
Allerdings weißt du davon ohnehin nichts. Da kann ja getrost Weihnachtsstimmung aufkommen.

Mittwoch, 23. November 2016

Heuchlerei

Die Gegensätzlichkeit dieser Welt habe ich noch nie ganz verstanden:
In die eine Hand wird die Eis gelegt, in die andere Feuer.


Sei stolz auf was du bist.
(Doch Hochmut ist eine Sünde.)

Inbeschlagnahme und ergreife dein eigenes Leben. 
(Aber vergiss nicht, mit dem Strom zu schwimmen.)    

Angst ist ein Leitfaden, kein Gesetz.
(Abwertung und sogar Hass entspringen aus Angst.)

Liebe ist alles, was du brauchst.
(Liebe ist niemals genug.)


Auf die Situation angepasste Phrasen füllen uns wie Muttermilch. Erleuchtet mich - bisher habe ich das Ende des Tunnels nicht gesehen. Einseitige Ansichten ist genau das, was ich brauche. Eure Lügen sind das Gesicht meiner unumgänglichen Standhaftigkeit. 



Dienstag, 22. November 2016

Fabulieren

Mit Armen voll von Entschuldigungen und den Ohren voll von "Lauf! Laufe schnell und weit!" bleibt mir nicht viel übrig als darauf zu vertrauen, dass irgendwann meine Beine flink genug sein werden. Oder wenigstens der Stift, der fremde Welt so nah wie nie zu vor gesehen herbei kritzeln wird.
Obwohl ich nicht halb so gut schreiben kann, wie ich mir manchmal wünschte, dass ich könnte. Heute wirbeln lediglich Buchstaben vor und zurück und einsame Absätze brechen scheinbar unscheinbar zusammen.
Seit dem Tag, an dem ich kein Fuß mehr vor die Tür setzen konnte, fühle ich mich mit dem verloren, was mir einst die einzig wahre Stütze war. Es fühlt sich an als würde nicht einmal mehr der Schmerz mir helfen, etwas zu spüren. In mir ist es leer und das da draußen ist eine furchtbar einsame Welt.

Ich mochte das Schreiben. Und ohne unbescheiden klingen zu wollen, ich bin mir sicher, das Schreiben mochte auch mich.

Samstag, 19. November 2016

Jungs bleiben Jungs

Er war dreizehn
als die Schulschwester
lediglich mit den Schultern zuckte:
"Sowas passiert."
Neben ihr der Sportlehrer
mit einer Tasse schwarzen Kaffee
auf der 'der beste Papa der Welt'
geschrieben stand.
Schnell noch ratterten sie Statistiken herunter;
"Jedes dritte Kind,
80% zwischen 6 und 14 Jahren,
vorwiegend Mädchen",
und so weiter.
Da klebt nur Nebel in seinem Kopf.
Kein Wort von sexuellen Übergriffen
in Klassenzimmern
bleibt hängen.
Zahlen werden überbewertet.

Er lernte früh,
dass absolut kein Mann
auf die Knie fällt.
"Falte dich wie es dir gesagt",
nur entfalten kann er sich nicht
mehr,
kleiner Raupen-Junge.
Zwischen Blumen und Endlichkeit
kriecht eine Schlange
zwischen zwei Beinen.

Bald ist es ja vorbei,
sei unbekümmert.
Begehrt wurde er für seine
Unschuld,
die befleckt an Wert verliert
und an Menschlichkeit
und an Lebendigkeit.
Es war auch
seine eigene Schuld.
Warum lächelt er auch so verführerisch?
Warum fallen seine Haare
in sein junges Gesicht
wie eine Einladung?
Seine Schuld ist es!
Ganz allein!
Immerhin kannte er die Statistiken!
Im Nachhinein kann man
nichts mehr machen.
Nur noch schnell das Formular
ausfüllen.
(Und nicht vergessen zu unterschreiben!)

Beim Arzt fühlt er sich ausgeliefert
und reden überfordert ihn.
Die Scham kriecht durch jede Pore.
Sein ganzer Körper krümmt sich vor Ekel.
Eine Schande.
Eine atmende Schande.
Tränen entrinnen nur Nachts,
laufen nur heimlich.
Erst recht als er erfuhr,
dass seine Klassenkameraden erst
seine Nummer gelöscht haben
bevor sie die seines Peinigers
auch erst angesehen haben.
Dreck übersäht ihre Brillengläser. 
Blut klebt zwischen seinen Beinen,
an seinem Gesicht.

"Wenigstens sagt Niemand,
dass dein Rock zu kurz war
oder du zu viel getrunken hast.",
scherzen sie.
Ein kleiner Teil in ihm möchte sie
töten.
Ein größerer in ihm möchte sich
selbst töten.
Wenigstens dieses Leben "danach".