Samstag, 8. Juli 2017

Tränenlos

Es ist nur, so glaube ich, dass ich mich schon zu lange und kontinuierlich konstant in diesem Zustand unaussprechlichem Kummer und Trostlosigkeit befinde, dass Tränen diesen gar nicht mehr beschreiben könnten.

Freitag, 30. Juni 2017

Die Besser-Toten

Einen großen häuslichen Trost
fand ich in ausgehöhlten Knochen, wie ein Tempel
aufgebaut auf Stock und Stein,
welche das Gebein weiterhin zerbrechen.
Oder wir leben den Friedhof,
den wir geschaffen;
Kannst du das Klopfen an den
Grabsteinen hören?
Das Schaufeln ändert uns nichts,
es ist die Absicht.
Selbstzerstörerisch und stets
einem Ende zugewandt.
Dem klappernden Zähnen als Zeichen
haben wir nichts zu beweisen.
Das Wasser unter der Duschen
färbt sich rot;
und das macht es wahrhaft schwierig,
seine Fehler zu verbergen.

Lange Nächte und unbeabsichtigte Worte
feilen uns nieder
zu fast-Nichts,
doch irgendwo gibt es
vielleicht
immer ein zu Hause.
Ich fand eines in der Anerkennung
von Schmerzen in fremden Augen.
In denen, die es (noch) nicht schaffen,
alles zu verbergen und vergraben,
was sie fühlen und gerne gefühlt hätten.
Lügen und Vergebungen,
ein gebrochenes Herz jagt das nächste:
Es ist absonderlich beruhigend
zu wissen,
man ist nicht der einzige Mensch,
der in Scherben liegt.
(Allerdings macht es das Leben oft
erträglich gar leichter,
wenn man sich zu denen hingezogen fühlt,
die es nicht sind.)
Und
Manchmal
Manchmal erwischten wir uns dabei,
uns regelrecht danach zu sehnen,
das kaputteste Individuum im Raum zu sein.
Denn das würde bedeuten,
wir hätten ein Anrecht darauf,
mit den Nicht-Gebrochenen verbunden zu sein.
Als würde niemand mehr Fragen stellen müssen,
die sowieso keiner beantwortet haben möchte.
Wenn das überhaupt Sinn ergibt,
wahrscheinlich eher nicht.

Wer uns unsere Recht verliest,
kann uns auch bestrafen.

Montag, 19. Juni 2017

Ein Hund mit drei Köpfen

Alle Straßen riechen nach Kerosin;
und du,
du bist ohnehin dein schlimmster Feind.
Symbolisch, in gebrochenen Fenstern
und brennenden Reifen.
Atmest schwarzen Rauch,
die auch Wolken aus menschlichen Gesichtern
widerspiegeln.
Verweilend.

Ein elektronisches Wispern unterdrückt
die Gewalt zu einem tiefen Surren.
Doch du kannst ja nichts sehen.
Diese definierenden Momente
hängen an rostigen Nägeln und
einem erschütterndem Beben.
Schleichend.

Verlorene Hoffnung gefunden,
die Urformen der Imagination
eingewickelt in Akzeptanz:
Genau hier liegt der Platz
zwischen den Klichees.

Irgendwann,
daran solltest du so fest glauben
wie ich,
vielleicht noch mehr,
wirst du gerettet werden.

Dienstag, 6. Juni 2017

Etwas Persönlicher

Wenn man missbraucht wird/wurde - ganz gleich welcher Form , fühlst du dich immer wie ein Einzelfall. Abgeschnitten und abgeschottet, nicht Teil des großen Ganzen.
Bitte - und dies sage ich aus meiner alleinigen, persönlichen (!) Ansicht - bitte nennt mich nicht einen Überlebenen. Immerhin befand ich mich nicht auf Mission. Nichts ist mutig daran, mit einem Messer unter dem Kopfkissen ein zu schlafen. Nichts ist wohl weniger heldenhaft als mit der Schlinge um den Hals, besoffen auf angesägten Stühlen zu stehen. Zu sagen, ich wäre stark, ist nicht nur grenzenlose Übertreibung, sondern isoliert mich in dem Gedanken, anders sein zu müssen, aufgrund von Taten, die ich zum damalien Zeitpunkt nicht in der Hand hatte.
"Ich bin auch nur eines dieser Kinder, welches missbraucht und vernachlässigt wurde", sage ich mir stetig. Ohne Reue und Wehmit in der Stimme, denn ich könnte auch nicht besser schlafen, würde ich Lügen erzählen. In diesem Sinne: Alpträume plagen mich.

Es liegt in der Neugier eines jeden Menschen, Details in Erfahrung bringen zu wollen. Auch sie wollen das große Ganze im Überblick. Nur frage ich mich oft, warum Unbeteiligte nach Genauigkeiten fragen, die ich nicht gewillt bin, zu teilen. Verschon mich bitte. Verschont auch bitte euch selbst. Wollt ihr ein Bewertungssystem erstellen und dann Trauma nach "grauenhaft", "gewöhnlich" und "beiß' einfach die Zähne zusammen" einteilen?
Eines kann ich dazu reines Gewissens sagen: Ungewollt macht ihr mich zum Verbrecher. Ich fühle mich gedrängt dazu, darauf zu bestehen, nicht "wie die" zu sein, darüber hinweg zu sein, nichts mehr mit all dem zu tun zu haben. Es geht niemanden etwas an und ich lasse es mich nicht definieren. (Ok, hier liegt tatsächlich etwas Lüge.)
Sicherlich reagiere ich anders als andere "Überlebene". Doch auch das liegt in der Natur des Menschens.

Heute früh wachte ich auf und mir liefen Tränen über die Wangen. Nicht ein Flashback oder schlechter Traum waren die Ursache, sondern die Realisation, dass ich so viele Jahre mit großen und kleinen Monstern verbracht habe, sondern auch in einer Kultur und Gemeinschaft gelebt habe, die es absichtlich übersehen, erlaubt und akzeptiert hat. (Erwachsene Menschen, wohlbemerkt.)
Ich fühle mich widerlich. Es fühlt sich an als wäre ich widerlich, möglicherweise bin ich das auch. Denn diese Erinnerungen und Gedanken besudeln den Rest Menschlichkeit in mir. Ohne Eigenidentität unterdrücke ich die Standbilder des Lebens, die hätten mit Lachen gefüllt sein müssen. In mir lebt Schande. Verdrängen, verdrängen, verdrängen - das ist die Devise, um nich von Ekel und mangelndem Lebenssinn überschwämmt zu werden.

(Da sind mehr Gedanken in meinen verworrenen Gehirngängen, doch fühle ich mich leer. Vom geschriebenen Wort verlassen, vom gesprochenem sowieso. Es ist einsam, irgendwie, nur nicht auf die Art wie man es vermuten würde. Wo sind die Zeiten hin, in denen ich ausdrücken konnte, was mich bewegt? Egal, wie dunkel und sinister diese Gedanken auch waren... Vielleicht kann es trotzdem jemand verstehen....)

Montag, 29. Mai 2017

Weine und sei dankbar

I.
Wurdest mit verdrehten Füßen geboren ,
mit einem Krater auf deiner Brust.
Die arme Mutter ist schweißgebadet;
es fällt ihr schwer zu atmen -
doch dankt Gott, dass es vorüber ist.

Sie wiegt dich in ihren Armen,
küsst deine Sitrn mit sanften Lippen.
Auch dein Vater greift nach dir,
doch die Mutter lässt dich nicht frei,
lässt dich nicht fort.

Sogar die Familie schaut vorbei.
Ein Staunen und Säufzen am laufenden Band,
ein Lob und ein Lachen -
und in diesem Moment blickt vielleicht schon
deine Kinderseele umher,
schaut nach jemanden, die sie verantwortlich
machen kann.


II.
Wenn du das Schreiben erlernst,
benutzt du immer die falschen Buchstaben.
Deine Lehrerin ermahnte dich,
als du sagtest, dir würden die übrig
geblieben leid tun.
Sowas wie X und Z.

Du trägst Kleidung,
die nicht zusammen passt,
denn dir missfällt die Idee,
dass alles zusammen passen muss.

Das erste Mal, dass du von jemanden
ins Gesicht geschlagen wurdest,
war von einem Mädchen mit Pferdeschwanz
und Zahnspange.
Du hast auf einer Schaukel gesessen,
die Zehen im Sand vergraben
als sie mit erhobener Stimme deine
Merkwürdigkeit verkündete.
Deine Antwort war kindlich leicht:
"Nicht so komisch wie du".
Der rote Fleck zierte für knapp
vier Tage deine Wange.

Deine erste Liebe trafst du auch
auf einer Schaukel.
Er ist unsportlich und vergrub
seine Nase in ein altes Buch.
Ansprechen konntest du ihn nicht,
darum starrtest du ihn heimlich an -
nicht ein einziges Mal blickte er zurück.
Wiederholung.
Wiederholung.


III.
Mit Dreizehn erwischtest du ein
fremdes Mädchen beim
Ritzen auf einer öffentlichen Toiletten.
Wie auch immer sie vergessen haben kann,
wie man eine Tür verschließt,
bleibt ein Geheimnis.
Ein anderes Geheimnis gibt sie frei
nachdem du fragtest
"Kann ich's versuchen?",
und dich neben ihr nieder ließt.

Kurze Zeit später musste
dein Mutter die Küchenmesser
verräumen und einsperren.
Es machte dich krank.
So sehr, dass du dich in den Nächten
ausschließlich erbrochen hast.
Dein Kopf war krank,
der Körper ruhelos und zerfetzt -
nicht einmal die Haut konnte heilen,
denn Nägel kratzten sie stets wieder auf.

Zu der Scheidung deiner Eltern sagtest
du nichts.
Immerhin waren sie erwachsen
und du willst ja nur, dass sie
glücklich werden.
Schmerzhaft war's, dass sie nicht
nach deiner Meinung fragten.
Deine Mutter traf Entscheidungen für dich.
Bier traf sie für deinen Vater.

Am Tag, an dem er ging,
fandest du eine Nachricht:
"Ich liebe dich. Auf Wiedersehen."
Du denkst, sie war an dich gerichtet,
denn er unterschrieb mit "Papa".

Oft wartetest du an der Straße
auf seine Wiederkehr.
Obwohl es dich selbst enttäuschte,
später lediglich am Briefkasten
zu warten,
auf einen Brief,
ein paar Zeilen,
ein wenig durchdachteres Auf Wiedersehen.


IV.
Deine zweite große Lieben war älter als du.
Lediglich deine Mutter besorgte das.
Er rauchte, trank und spielte.
Er trug auch im Winter niemals dicke Jacken.
Er fluchte oft.
Einmal erzähltest du ihm von deinem Vater.
Eine wirkliche Antwort gab es dir darauf nicht.
Er sagte dir nur, dass du ein wunderbares
Leben hättest, kein Grund zum Jammern,
und führte seinen Standpunkt
mit Anekdoten aus dem Gefängnis aus.

Mit ihm war es an dem Tag zu Ende
als du nackt,
er nackt,
menschliche Gelüste erfüllen wolltet
und deine Mutter so laut schrie und gegen
die Wand schlug,
dass das einzige Foto von
deinem Vater und dir
zu Boden fiel.
Sie verließ aufgebracht die Wohnung.
Er kurz darauf auch,
wortlos, ohne einen Blick zurück.

In der Nacht kam deine Mutter zurück.
Du hattest dich auf dem Boden
zu einem Ball gerollt
und gehofft,
sie würde dich für tot halten.
Allerdings flossen Tränen aus deinen Augen:
Tote Körper weinen nicht.


V.
Als du alt genug warst,
warst du schneller aus dem Haus
als du bereit genug warst.
Du konntest nirgendwo hin,
und das Auffangen der Flaschen
hinterlässt einen kalt und
regungslos.
Niemand konnte dich fangen,
geschweigen denn halten.
Wenn es keinen gibt, der
dir zusieht zu fallen,
gibt es auch keinen,
der sieht wie du aufstehst.

VI.
Eindeutig zu viel Zeit verbringst
du auf den Knien,
im Namen der Säuberung,
über der Kloschüssel.
Nur hier konntest du
Vermissen,
vergessen.
Nur hier waren die Gedanken nicht
gefüllt von
Einsamkeit, Lieben, Vätern und
Kleidung, die nicht zusammen passt.


VII.
Du beginnst zu weinen.
Eigentlich solltest du dankbarer sein,
denn das bedeutet,
dass du nicht tot bist.

Dienstag, 16. Mai 2017

Prosopagnosie

Schematisch
so habe ich es mir beigebracht,
Gesichter zu erinnern -
als wäre jedes einzelne
eine zerbrechliche Drahtskulptur.

Die Neigung eines Kinns,
die Krümmung der Lippen,
die Ecken zwischen Wangenknochen
und Haarlinien.


Meine eigene Reflektion:
Eine in Dysmorphophobie gewickeltes
Flächenformel,
nicht geschaffen für bunte Farben
auf Leinwand und Holz.
Zwischen biblischen Lehrern
und rachsüchtigen Göttern.
Der Spiegel.

(Erschreckend schmerzhaft erklingt
das Flüsterm
in fremden Sprachen,
welche nur in meinem Kopf existieren
in den ausdruckslosen Fassaden
von Außenstehenden,
die immer
und immer
eine Armlänge vor mir wandern.)

Sonntag, 14. Mai 2017

Augenflimmern

Ein sanftes Plätschern von Regen, der auf die Erde trufft - und du, gebrochen und wunderschön, kannst gelesen werden wie ein offenes Buch, obwohl keiner ein Wort spricht. Wer braucht den schon Wahrheit, die mit Erinnerungen getränkt, wie Pfeile geschossen wird? Fragen sind niemals still.
Deine Dunkelheit ist explosiv. Die rot-weiße Detornation, die Fenster erschüttert und sinnlose Zerstörung hinterlässt, wo einst einmal Türen waren.
Dies ist der Unterschied. Denn meine Dunkelheit ist halb-gefroren in Stille und Einsamkeit, heimtückisch und bösartig. Geboren für Determination: Ein flüsterndes Gift, welches in trockenen, unverzeihlichen Echos resoniert.

Du, flackerne Wimpern und verwundete Brust, liegst in meinen Armen: Erzählst wortlos von Geheimnissen, Verlusten und deckiger Wäsche. Das ist unsere Form die Absolution zu suchen. Altbekannter Herzschmerz um 4 Uhr morgens, und ich? Ich ertrinke in meinen Glückwünschen für dich, Gott und die Welt.

Dies sind keine leeren Räume. Dies sind Folterkammern, in denen sich Schwarz und Schwarz treffen.