Sonntag, 12. November 2017

Geist

              Ich
         existiere in
     einer Welt, in der
mein Körper greifbarer ist als
    eine betrunkene Seele,
       die mir verworren
           unzugänglich
              scheint.

(Ich verliere nicht meinen Verstand, doch manchmal wünsche ich mir,
ich könne meine physische Form
verlieren.)

Dienstag, 31. Oktober 2017

Schreie wie ein Flüstern

Es gibt hier einfach keinen beeindruckenden Sonneuntergang. Entweder ist das Panorama verbaut mit quadratischen Häusern oder eine surrende Menge an Menschen verunreinigt die Sicht. Doch du bringst mich immer noch an diesem kleinen See, an dem die Sonne niemals Wasser trifft. Ich nehme dich wahr wie zur Kenntnis. Nur wird unser Glück halbiert durch die Stadtlichter und das Gebrüll in der Ferne.
Es muss dich ermüden, dieses Hin und Her, doch ich bin verängstigt bis panisch. Wie soll ich dir auch sagen wie sehr ich dich vermisse, wenn ich damit beschäftigt bin, die Missgunst anderer Herrschaften zu überdenken. Außerdem sind 24 Stunden gar nicht so eine lange Zeit, voneinander getrennt zu sein. Ich habe Angst davor, erahnen zu müssen, was du tust, wenn ich nicht da bin. Noch mehr schätzen zu müssen, was du denkst, wenn ich es bin. Mit einem halben Herzen zu brennen, verschont es oft vor großen Flammen. Diesen altbekannten Schmerz kenne ich zur Genüge. Du sollst anders sein. Du sollst kein Fehler sein, der es wert war, begangen zu werden. Du sollst real sein, echt - tastbar.

Also wen schütze ich vor was?

In meinem Kopf habe ich all die Situationen abgespielt, in denen du mich verletzen könntest. Nicht, weil ich denke, dass du würdest, sondern um den Stich weniger überraschend zu machen, wenn es dann passieren sollte. So ist man vorbereitet. Auf diese Art entsteht ein Gerüst aus überaus sinnlosen Gedanken, die vom eigenen Ziel, von den eigenen Wünschen fort tragen. Es bewegt sich zu schnell. Jedoch auch wenn wir kriechen würden, bewegt es sich zu schnell - allein aus dem Grund, dass es sich überhaupt bewegt. Damit kann ich nichts anfangen. Es macht mir Angst.

Kann man vorgeben, sein gebrechlich Herz bis auf das Blut zu verteidigen, und doch immer wieder in die gleiche missliche Lage geraten?
Mal ganz ehrlich - es sollte ein zu füllendes Maß geben, an dem man sich fühlt als würde man alles verlieren müssen und man nichts tun kann, um es auf zu halten. An Situationen kann ich mich stets erinnern, doch dieses Kneifen in der Brust überrennt mich jedes Mal erneut. Es gab Momente, an denen ich meine Gefühle an meinen Körper ausließ, weil ich sie einfach nicht spüren wollte. Und es gab Momente, an denen ich herauf beschworen habe, was mich zerstört, weil ich überzeugt war, es zu verdienen. Das Nicht-Wissen darüber, verdient zu haben oder es darauf angelegt zu haben, es zu verdienen, ist das Schlimmste. Ich möchte dich ja nur nicht verlieren bevor ich die Chance dazu hatte, dich zu lieben wie du es verdienst.

Gibt es etwas, dass sich so verherend anhört wie Stille?
Denn die gesamte Wohnung schweigt, wenn du nicht da bist. Es ist dieser echolose Klang, wenn du lächelst und nichts sagst, der widerhallt und vergeht. Wo bist du?
Leben gelingt dir - größtenteils, versteht sich - mühelos. Dann ist das hier passiert und ich bin mir nicht sicher, ob ich dich retten kann. Der Unterschied zwischen uns Beiden ist, dass du bereit wärst, deinen Frohmut für mich riskieren - während ich in dieser Perspektive gar nichts anbieten kann, was ich riskieren könnte. Diese Worte schreibe ich nicht in Selbstmitleid. Was für dich spielend leicht die Tür durchquert, ist für mich das dämonische Flüstern in der Stille. Zwischen uns liegen Welten. Ich glaube, das verstehst du nicht. Ich befürchte, dass du es niemals wirst.

Von dir schrieb ich schon bevor wie uns kannten. Schon viele Jahre bevor wir das erste Wort gewechselt haben, beschrieb ich dich in säuselnden Träumen. Im Detail und ausgewogener Analyze, jedes Wort so ergreifend wie deine dunkelbraunen Augen. Du fragst mich, was ich gerade denke und ich lächle nur zur Antwort.
In dieser Sekunde, in der die letzten Sonnenstrahlen am Horizont scheinen, legst du deinen Arm and meinen und ich sage etwas unüberlegtes wie "ich bin irgendwie schon müde". An sich ist es keine Lüge, denn den ganzen Tag schon, jeden Tag der letzten Wochen, stellte ich mir vor, ich würde schlafen und nebn dir erwachen...

Freitag, 6. Oktober 2017

Vantablack

Die Zähne an Sorgen abgebrochen,
über Jahre das 'Vielleicht' genährt,
ein vages "Was wäre, wenn"
verdirbt die Milch im Kühlschrank
wie die Liebe mit der Zukunft.
Im verwinkelsten Büroschrank
jault sie lautstark auf.

Alles, was ich will,
ist Sicherheit.
Ein Haus, dessen Dach nicht
bei jeder Brise zu wackeln beginnt.
Damit ich den Wind nicht fürchten muss,
mich vor ihm verstecken versuche -
anstelle ihn mit offenen Armen
zu empfangen.
Ich sehne mich nach Wänden,
die stark genug sind einen
Hurrikan aus Zweifeln und Neurosen
stand zu halten,
die Superzellengewitter aus Misstrauen.
Ich brauche ein Fundament,
dass nicht bei neuen Fragen und
Selbsthinterfragungen,
zu bröckelnd anfängt.

Schwarz umgibt mich.
Alles, was ich möchte,
ist Brot in meinem Mund,
welches ich herunter schlucken kann,
ohne überzeugt zu sein, dass
es vorher zu Asche zerfällt.

Womöglich würge ich auch schon
und
ersticke - letztendlich.

Freitag, 29. September 2017

"Aber er kennt einen Teil von mir", spricht die Seele.

Es gibt immer einen Grund zum Feiern; und wenn man prinzipiell keinen hat, erfindet man eben einen. Das ist womöglich der einzige Grund, warum ich hier sitze: In dieser viel zu lauten Bar, gefüllt mit lärmenden Menschen, die wiederum mit schrillen Cocktails und Drinks gefüllt sind. Der Kopf beginnt zu brummen, dabei sind wir gerade einmal 20 Minuten hier. Jemand hier an diesem Tisch wird wohl Geburtstag haben, oder einen furchtbar wichtigen Jahrestag, oder hat einen Ausbildungs-bezogenen Fortschritt erreicht... Wie bin ich hier her gekommen? Ich kenne nicht einmal seinen/ihren Namen.

In einem Meer aus Gelächter und verzogenen Mienen sehe ich plötzlich ihn. Umgeben von so viel Fremde, die ich niemals zuvor sah und niemals wieder sehen werden, sehe ich ausgerechnet ihn. Mein Herz rutscht mir in die Hose.
Früher fand ich Aussagen, die rutschen und Hosen betreffen, recht amüsant - bis ich erfahren habe, was es eigentlich bedeutet. Man muss wohl immer erst erfahren, um zu verstehen. Mit meinem Körper im Autopilot-Modus kann ich mir nicht helfen, und ständig über meine Schulter zu schauen. Zwei Tische weiter sitzt er mit seiner neuen/alten Freundin, das bedeutet die Frau, mit der er vorher in einer Beziehung stand und nachher auch. Insgeheim bin ich froh darüber, dass er mich (angenommen) nicht sieht, ansonsten wäre ich auch dieses Mal wieder nur das Lächeln zwischendurch, der Menschen dazwischen.
Ein paar Minuten braucht es, damit ich meine Gedanken sortieren kann und meine Emotionen weitersgehend in den Griff bekomme. Als der Schock vorüber war, sank ein Stachel Traurigkeit in meine Seele.

Ist es nicht süßlich ironisch wie das Leben spielt? Immer genau dann, wenn man denkt, man wäre über diesen Schmerz hinweg, rennt man schnurstracks genau in ihn hinein. Es rüttelt am Herzen und wühlt all das Vergrabene aus der Mitter wieder auf.
Ich denke, sein Ablick hat mich so aus der Bahn geworfen, weil ich keineswegs darauf vorbereitet war. Mir kam die Möglichkeit nicht für eine Millisekunde in den Sinn. Immerhin ist die Welt groß und in dieser Stadt leben 1,4 Millionen Menschen. Die Chancen waren minimal; und doch an diesem Abend, in dieser Bar sitzen sie zwei Tische neben meinen.
Das Dilemma an meiner Situation besteht darin, dass er niemals ein Fremder für mich sein kann. Er ist einer der einzigen Personen, die einige meiner Geheimnisse kennt; er weiß um meine Macken und weiß wie ich in Stresssituationen reagiere. Niemals hat er mich ausgelacht, obwohl er oft einen Grund gehabt hätte. Noch vor einem Jahr hatten wir Herzen in den Augen, nicht in der Hose. Jetzt, ja und jetzt, stierre ich sie von sicherer Entfernung an.

Herzschmerz ist real und kennt kein Limit, damit meine ich auch Zeitlimit. Und wenn sich das nicht wie der Vorgarten der Hölle anfühlt, dann weiß ich es auch nicht mehr. Vergessen würde ich ihn gerne. Ihn streichen aus jeglicher Erinnerung. "Aber er kennt einen Teil von mir", spricht die Seele und mir fällt nicht ein, was ich darauf erwidern kann...