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Donnerstag, 20. April 2017

Älter werden

I
Coupons und Schnipsel mit Sonderangeboten wurden plötzlich bedeutsamer als Altpapier. Auch die Löcher in den Hosen sind heute ein eher ein Statement als Flickarbeit.
Und manchmal, ja, manchmal frage ich mich wieviel mein unechter Schmuck einbringen würde, wenn ich dem Käufer berichten würde, ich hätte Jesus' Gesicht im Schimmer einer Perle glänzen sehen.

II
Langsam beginne ich die ruhigen, kleinen Waldgebiete, bei denen ich aufgewachsen bin, zu vermissen. Nur das Rascheln der Blätter und der zarte Duft der Blüten einmal erwähnt, und ich fühle mich hier - in der sogenannten neuen Heimat - gefangen.
Ich habe Angst, dass ich niemals die Welt sehen werde bevor ich von ihr zurückgetreten bin.

III
Der Glaube sagt, dass das Leben voller Fragen ist. Dabei hätte ich doch nur gerne ein paar Antworten. Aber auch ich habe viele Ersuchungen und zu viel und zu wenig Zeit.

IV
Meine Tante wäre heute 65. Als sie im Krankenhaus ein paar Fotos aus den 80ern in den Händen hielt, leuchteten ihre Augen. Mir wurde bewusst, dass meine Zeit auf Erden, wie lang sie auch sein mag, sehr kurz ist.

Freitag, 14. April 2017

Mit der Nacht reden

Wenn jemand sie nach ihrem größten Wunsch gefragt hätte, hätte sie geantwortet: "Ich möchte nur jemanden, der bedeutungslose Konstellationen auf meine Schulterblätter zeichnet, Van Goghs sternenbesetzte Kringel auf meine Hüften malt und so mit einem simplen Atemzug liebevoll Wellen aus Vergessenheit in mein Herz führt."
Denn ihren Augen sind müde und ihre Lider mit Asche bedeckt. Einsamkeit lässt sie rotten. Mit anderen Menschen geht sie immer nur durch dünn, niemals durch dick.

Selbst die Ärztin in der psychiatrischen Klinik meinte, sie würde ihr Herz doch am richtigen Fleck tragen. Sie sagte ihr, dass es nur daran liegen würde, dass sie es gar nicht tragen würde. Auch sie, die Göttin in Weiß, dachte an kalte Kanten aus weißer Keramik, poliert doch leer-gelebt.
Doch fühlte sie immer nur so tiefgreifend, schmerzte immer so dunkel, dass sie sich oft fragte, ob ein Mensch so etwas eigentlich tolerieren muss. Ihr Herz ist eben nicht groß; und mehr geht immer. Der Kopf ist schwer und überall.

Donnerstag, 13. April 2017

Ich schlucke Stücken aus Verzweiflung und toter Luft

I.
Er schaute immer nach oben, wenn er versuchte, die Tränen zurück zu halten.
Es braucht mehr als Willensstärke, um diese unbekannten Mächte auf zu halten.

II.
Ich lackiere stets meine Fingernägel und leuchtenden Farben oder Blutrotschwarz. Dann ziehe ich mich gezwungenermaßen hübsch an, um nicht zu sehr auf zu fallen. Ehrlich gesagt habe ich Angst, dass jemand meine eigentliche Traurigkeit erkennen zu können.

III.
Ihre Finger zittern. Denn in einem Herz, in dem Angst zu Hause, wächst auch Unsicherheit. Ja, hier könnte eine Menge Unsicherheit liegen.

IV.
Er möchte sich die Haare gerne braun-blau gestreift färben, mit türkis, gelb und grün in den Ansätzen. Der Kopf eines Pfauenhahns; Lippen so blass, dass sie an Zuckerwatte und spaßigen Riesenrad-Fahrten erinnern.
Oft fliegt er hoch. Hoch genug, um niemals wieder herunter zu kommen.

V.
Mein Kopf ist kugelsicher.
Aber was bringt mir das, wenn es mein Herz nicht ist?

Mittwoch, 12. April 2017

Positionen

Als ich du war,
dachte ich, ich wäre zu Hause.
Doch dann sah ich mich als mich
wie ich die Bausteine
unserer Zukunft nahm
und sie in tausend Teile zerschmiss.

Als ich du war,
wurde mir klar, dass dies
viel zu - vertraut - war,
wie ein routinemäßiger Kaffee
am Morgen.
Du du und ich ich
feuern oft mit Verletzlichkeiten
um uns, zu uns entgegen.
Tränen und
geschlossene Türen.

Als ich du war,
sehnte ich mich nach Sicherheit
und habe oft
das Gegenteil erreicht.
Rot-bemalte Hände,
beschmutzt von triefender
Stille.

Als ich du war,
gab es kein zu Hause mehr
für uns.
Mein zu Hause kann
auch nicht dort
sein, wo dein Herz ist.

Dienstag, 11. April 2017

Nenn es Skeksis, nicht Hass

In der 5. oder 6. Klasse, ich muss schätzungsweise 10 Jahre alt gewesen sein, fragte der Religionslehrer: "Wenn du Gott sein könntest, was würdest du ändern?"
Damals habe ich fest, fast schon schmerzhaft stark, auf meine Lippe gebissen. Vielleicht blutete es auch ein wenig, genau weiß ich es nicht mehr. Mit äußerster Bedacht und mit vorsichtigen Worten schrieb ich auf, dass ich Kindern beibringen würde wie man sich schon von klein auf selbst liebt - und Niemand anderen. Würde sie lehren, dass es so etwas wie eine almächtige Kraft, die uns bemitleidet und unsere Gebete erhören, nicht gibt.  

Als ich die Arbeit übergab, sah er mich lange eindringlich an; als wäre ich das Monster unter dem Bett seiner Kinder. Ein ironischer Teil in mir wunderte sich, warum man gerade Katholiken gegenüber nie seine ehrliche Meinung sagen durfte. Ist es nicht das, was der Preister jeden Sonntag predigt?
Selbst er wäre entsetzt gewesen, wenn ich mit heiserem 'Ja! Ja!' schreiend auf ein "Glaubst du etwa nicht an Gott?" geantwortet hätte. Wie kann ein Gott auch zulassen, dass eine Welt wie diese so durch seine Finger rinnt?



Anstelle diesem sagte ich leise: "Alles, was ich sehe, ist ein Holzkreuz", starrte es nichts sagend an - auf dem Stuhl sitzend, auf dem alle halb-bis-gar-nicht-Gläubigen verbannt wurden.
Wenn wir alles auf einmal aufhören zu atmen, hat es dann Gott jemals gegeben?