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Montag, 13. Februar 2017

Interim und weitere Provisorien

I. Geometrie
Ich wünschte, du wärest ein Parallelogram.
Doch hast du meist nur ein Auge,
zwei Gesichter
und drei Zungen.
Das macht keinen Sinn.
Du bist eher meine Tangente;
benachbart und angrenzend,
ich kenne deinen Geruch
in Gegensächlichkeit.
Den Wert deines x
würde ich nicht finden,
auch wenn ich es versuchen wollen würde.
Zu weit entfernt.

II. Geschichte
Was wurde eigentlich aus Phidias?
Er plante die Skulpturen des Parthenon
und war doch nur Teil des Großen Ganzen.
Du gravierst Liebe in Körper
schöner Frauen
während die Frauen, die dich lieben könnten,
die chinesiche Mauer um
ihr Herz
ziehen.
Nun gut - wahrscheinlich sind wir
alle nur ein Teil.

III. Fotografie
Nur für einen Hauch einer Sekunde
bist du mir durch's Bild gehuscht.
Verschlusszeit 1/2000
und natürlich ist das Bild
unbrauchbar.
Deine Füße sind
tatsächlich
noch schneller als deine Ehrlichkeit.
Vertrauen ist vergänglich
und nichts, wirklich nichts,
ist in Finsternis
schärfer zu erkennen.

IV. Sprache
Wärest du ein Buch,
wärest du mit unsichtbarer Tinte beschrieben.
Natürlich würde dich das nicht aufhalten,
denn deine Sprache ist unkenntlich.
Nartürlich würde mich das nicht aufhalten,
dich lesen zu wollen.
Shakespeare wäre stolz.

V. Biologie
Ich bin in meinem eigenen Tricarbonsäurecyklus gefangen.
Immer schön Energie teilen und bereitstellen,
damit du sie verschwenden kannst.
Hör' einfach auf damit,
meine Fehler unter ein Mikroskop zu legen!
Warum hat Darwin für Leute
wie uns
überhaupt noch Platz gelassen?

VI. Pause
Du stellst die Regeln auf,
du regelst die Ausnahmen.
Mein unperfektes Ich regelt
seinen unregelmäßigen Herzschlag.

VII. Sport
Vielleicht würde ich mehr Liegestütze schaffen,
wenn du deinen Fuß von meinem Nacken heben würdest.
Hoffentlich belebt mich niemand wieder,
denn ich hasse das alles hier.
Hasse dich, hasse mich.
Ich hasse das Läuten der Schulglocke
und den Moment, in dem ich realisiere,
dass ich noch immer
gar nichts weiß. 

Sonntag, 12. Februar 2017

Wert

Wie ein Schatz zu ehren und zu hüten,
was einen gegeben wird,
wenn man es am wenigstens verdient,
öffnet die Augen für das,
was man nie glaubte würdig zu sein. 

Dienstag, 7. Februar 2017

Am Sonntag in der Notaufnahme

Es ist auch erschreckend einfach vom Reichtum eines Landes zu sprechen, wenn man dessen ungewollte Brut neben Einfamilienhäusern aus Gold ignoriert. Wer solche formvollen Umschreibungen nicht mag, braucht nur einmal einen Blick in die Notaufnahmen öffentlicher Krankenhäuser wagen.
Am vergagenenen Sonntag war ich so frei und begleitete eine gute Bekannte, die sich beim Baden ihres Babies einen Muskel gerissen hat. Wie es nun dazu kam, ist nebensächlich - das stundenlange Warten, um überhaupt von einem Arzt besichtet zu werden, nicht. So werden Minuten zur gefühlten Unendlichkeit und das Erraten von Beschwerden anderer Patienten, die aus der Türe ein und aus gingen, zum Spiel. Nur weniger akute Beschwerden abgesehen von Verletzungen mussten an diesem Tag behandelt werden. Die meisten erschienen mit chronischen Beschwerden: Menschen mit augenscheinlichen Herz- oder Lungenbeschwerden, viele Senioren mit Haut- und Verdauungsproblemen. In vielen Fällen wohl auch Konditionen, die viel zu lang nicht begutachtet wurden. Immerhin will man keinen Terz machen und möchte ihn für sich selbst auch nicht. Einige übergewichtige Menschen gesellten sich hinzu. Fünf mit Gehhilfen, zwei an einen Rollstuhl gefesselt. (Der eine aufgrund seines Knies, der andere wegen seiner Hüfte - ich konnte sie sich unterhalten hören.)
Mich bewegte der Anblick eines Herren mitte 40 rum, der ohne Zweifel schlechtester Gesundheit war; magere Erscheinung, dunkle Augen, gelb-stichige Haut untermalt von tiefen Hustenanfällen. Er sah mehr tot aus als lebendig. Wahrscheinlich fühlte er sich auch so als er wort- und regungslos einer Schwester hinterher schlurfte.

Sollte diese mentale Aufnahme das Wohlsein einer Gesellschaft an einem sonnigen Wintertag symbolisieren, wird es in mir etwas trostlos. Aber weder die Warteschleife, die Kranken und Sterbenden umschließen den eigentlichen Schmerz, dem ich seither mit mir herum schleppe:
Ganz offen gestanden klebt mein Herz noch immer an die Frau mit ihren zwei Kindern, die nach zweistündigem Sitzen den Raum betraten. Das ältere Kind war ein Mädchen von 11-13 Jahren und ein Kleinkind. Die Mutter stand an der Rezeption und war ein einziges Chaos. Ihre Schulter und ihr rechter Arm waren lila; sie hippelte von einen Bein zum anderen und redete viel zu leise und wortverschluckend. Ihre Augen wirkten leer und genauso leblos wie der gelbe Mann. Sie zappelte unaufhörlich und spielte mit einer leeren Kaugummidose. Hin und her. Vor und zurück. Repeat. 
Nachdem sie nach einem Eimer zum Erbrechen fragte, legte sie sich zum Schlafen auf dem Fußboden. Nun, sie versuchte es zu Mindest. Immer wieder stand sie auf und legte sich wieder hin. Die war eindeuting das Werk von Entzugserscheinungen, wenn ich mir erneut eine ganz unmedizinische Meinung erlauben war.
Das ältere Kind kümmerte sich wortlos um das Geschwisterchen im Spielbereich. Prinzipiell schauten sie sich nur die bunten Sachen an, spielten aber nicht mit ihnen. Meine Freundin, selbst ja eine Mutter, bemerkte Blut an dem Kleinen - machte natürlich gleich die Schwester aufmerksam, welche jedoch kommentarlos nickte und weiter lief.

Wir saßen zwar etwas weiter entfernt von den Kindern, doch auch aus der Distanz konnte man die Matte des (mal davon ausgegangen) Jungen sehen. Hier schreibe ich beabsichtigt Matte, denn diesees sonst so zarte Kinderhaar schaute aus als wäre es seit Wochen nicht gewaschen worden. Wenn überhaupt jemals.
Auch seine Windel, die er vom Alter her vielleicht gar nicht mehr benötigte, reichte fast zu seinen Knien. Er war dreckig, barfuß und verletzt. Erneut versuchte meine Freundin die Aufmerksamkeit einer Schwester zu erregen. Diese schaute zwar traurig in Richtung Spielparadies, doch wirkte nicht mehr erschrocken als sie sagte, dass dieses Trio öfters in der Notaufnahme erscheint und sie bis zur Unterschung auch nichts machen könne, als ihnen etwas zu trinken an zu bieten. (Das geronnene Blut hatte sie ihm inzwischen weggewischt und konnte keine offenen Wunden finden - womöglich war es nicht einmal sein eigenes.)
In der Zwischenzeit befand sich die Mutter noch auf einem anderen Planeten, welches mich offen gestanden weniger wütend hinterlässt als untröstlich.

Knapp eine Stunde später hatte die Mutter jegliche Geduld verloren. Die große Schwester "las" ihrem Bruder gerade eine Bilderbuchgeschichte vor als die Mutter blitzschnell aufstand und Richtung Tür schritt. Sie habe es satt, murmelte sie, und die Kinder folgten ihr regungslos, wortlos und - in meinem Auge - hoffnungslos.
Kein Arzt hatte sich eines der Kinder angeschaut. Die Mutter tatsächlich auch nicht, aber mir gehen die zwei Kleinen nicht aus dem Kopf. Was wird aus dem Kleinkind mit der laufenden Nase, von dem man nicht weiß, ob er mit seinem eigenen Blut bedeckt war oder das eines Fremden? Was wird aus der Schwester mit den ängstlichen Augen und der Körperprache, die nach Hilfe schreit, doch nicht erhört wird? Was wird aus den Kindern, die durch das System fallen, weil es entweder keinen interessiert oder es schlichtweg zu einfach ist, unsichtbar zu sein?
Warum habe ich nichts gemacht? Was hätte ich machen können? Sie schnappen und zur Polizei rennen? Mich mehr beim Krankenhauspersonal beschwerden sollen?

Mir ist durchaus bewusst, dass es ein signifikant kleinerer Anteil ist als in anderen Ländern der Erde, aber sofern es noch böse Zungen gibt, die behaupten, in Deutschland gäbe es keine Kinderarmut, muss ich an dieses Beispiel am Sonntag in der Notaufnahme denken.
An den kleinen mit Blut verschmierten Jungen ohne Schuhe und wahrscheinlich ohne Aussichten auf eine Zukunft. An seine ältere Schwester mit den ausgefransten Hosenbeinen, die mit geschätzten 12 Jahre die einfachen Sätze eines Kinderbuches nicht lesen konnte. An diese verzweifelte Wortlosigkeit aller Patienten, die gerne etwas gemacht hätte, doch nicht wussten, was.
Armut ist ein riesiges Monstrum mit mehreren Abzügen, gefüttern von falschen Vorstellungen und zerstörrerischen Voraussetzungen: Psychische sowie physische Gesundheitsprobleme, wachsende Ungleichheiten, Substanzmissbrauch, Gewalt,...

Was wird aus diesen verletzlichen Kindern, wenn keiner - einschließlich mich - interveniert?

Freitag, 3. Februar 2017

Leuchtturm

Es fing an mit diesem bekannten Zittern in der Stimme, ging über zu Panikattacken, wenn einmal das Telefon läutete und endete in vehementen "Ich werde diese vier Wände nie wieder verlassen!!". So wird es ein leichtes Spiel, vergessen zu essen - selbst für ein paar Monate. Denn man versinkt in billigen Ideen mit hübschen Namen; die Art, die Bücher füllen können oder Diskussionen anregen, die zu nichts führen. Ein stürmischer Kopf und ausgedörte Handgelenke - bald schon wird Licht aus der Innenseite meiner Rippen leuchten.

Sollten wir gegebenen Anlasses nie wieder sehen können, möchte ich mich bedanken. Im Wesentlichen für das Wissen, dass ich mich nicht so tragen kann wie es von Gesellschaft und Sitte verlangt wird.
Sicherlich klingt das dramatisch. Aber ich möchte euch nicht richten, versucht bitte im Gegenzug auch nicht mich zu reparieren.

Ich schrieb einmal von gedimmten Farbtönen in euren Stimmen - meist lila-blau-orange wie der Moment, an dem die Sonne unseren Horizont verlässt. Leider kann ich nicht aufhören, mich zu fragen - vor Allem jetzt, da ich schlafen sollte -, ob mich jemand hätte lieben können, wenn man mir die Welt nicht als gewaltvolles Rätsel voller unehrlicher Worte beigebracht hätte. Anstatt teile ich ein Bett mit Leere und den verlockenden Silben von Gedichten, die an meiner Haut nagen.
Immer dann, wenn ich schlafe,
immer dann, wenn ich wache,
immer dann, wenn ich mich selbst in schweren Händen verbrenne,
kleben sie wie ein Anker.

Es tut mir leid, dass ich vergaß, auf Wiedersehen zu sagen.
Wenn ihr mir die Güte erweisen könnt, euch nicht ein zu reden, dieses Licht wäre schon über eine Millionen Jahre alt, könnt ihr meines vielleicht noch in der Ferne erkennen.

Donnerstag, 26. Januar 2017