Dienstag, 16. Januar 2018

Ich weiß nicht, wer ich bin und was ich hier soll

[Vorsichtige Triggerwarnung! Nichts geht ins Detail!]

Im Raum steht der Vorwurf, ich vergesse zu viel von dem, was wichtig ist. Ohne diskutieren zu wollen, wie man einen Grad der Wichtigkeit bemisst, sind es bereits die kleinen Geschehnisse, die mich zum Grübeln bringen. Beispielsweise kann ich mich an die roten Haaren von der Verkäuferin im Kunstgeschäft erinnern, aber nicht, wann ich das letzte Mal die Wohnung ohne Make Up verlassen habe. Mit jedem Jahr, welches verging, sank immerhin der Grad meines Selbstbewusstseins. 10 Jahre? Nein, 15 Jahre? Meine Haut sieht älkter aus als sie ist. "Das liegt aber auch an den Sorgen", meint meine Mutter am Telefon. "Und es liegt an den Genen."; was prinzipiell das Gleiche aussagt.

Ich kann mich einfach an kaum etwas erinnern. Es ist ein Schutzmechanismus, denn ich bin schwach. Nicht nur der Körper, dessen Fett ich nicht in Muskeln verwandeln kann, auch das Herz, welches in Selbstmitleid und Egoismus getränkt ist.
Sie denkt, ich bin einfach zu eitel und kalt - eine weiße Keramikplatte, die poliert und unbeschrieben vor sich hin glänzt. Emotionslos.
Doch hoffe ich, ist sie auch kein Idiot. Denn ich fühle so tief und schmerze so dunkel, dass ich manchmal nicht weiß, ob ein menschliches Wesen das überhaupt tolerieren kann; oder sollte. Meine Seele ist vielleicht nicht groß, doch sie ist schwer und überall.
Was macht es überhaupt einen Unterscheid, woran ich mich noch erinnern könnte, wenn die Erinnerungen, die ich bereits habe, mich so einengen, mich so ängstigen, mich so in die Ecke drücken kann, dass ich es kaum noch vermag zu atmen?

Unter der Dusche konnte ich mich gerade an das eine Jahr Schwimmunterricht erinnern, an welchem ich noch teilgenommen hatte. Grundschule, 1999, Mitschüler hinter mir kichern und gackern wie Hühner. Es hat sich jemand auf meine Kosten einen Witz erlaubt. Mir ist es unangenehm, doch möchte ich Reibung aus dem Wege gehen. Sie sperren mich in die Umkleide ein. Theoretisch könnte durch die freie Fläche am Fußbereich heraus kriechen, doch ein Krieger verlässt seine Position nicht - schon gleich gar nicht auf allen Vieren. Schon damals sah ich wenig Sinn zur Gegenwehr. So schaute ich auf die Kondensationan den kleinen Spiegeln. Dicke Tropfen weinen die Oberfläche hinab, traurig und viel zu schwer genau wie ich.
Lethargie regiert das Badezimmer. Mit einer Dämmerungszunge legt sie an meinen Füßen. Wenn man die Anzahl an Glücks-Typen zählen kann, wären die Wurzeln der Pein simultan angeglichen? Daran glaube ich nicht. Denn Schwarz ist omnipotent.

Meine Sportlehrerin hat mich heraus gelassen. Nicht ohne vorwurfsvolle Blicke mir gegen über, nichts als Schweigen den anderen gegenüber. Ich bin hier der unerwünschte Fleck. Ich bin monochrom schwach, verrückt und geisteskrank 100% answesend, euphorisch zu tode betrübt - alles zur gleichen Zeit. Das ist das, was Trauma aus Menschen macht. Es bringt ums Leben. Es bringt mich (noch) nicht um, doch es bringt mich um die lebhaften Momenten, die ich hätte, wenn das nie passiert wäre, wenn er nie passiert wäre, wenn es Alkohol nie gegeben hätte, wenn ich mich jemanden anvertraut hätte.... Trauma schlingt es hinunter wie ein gefräßiger Hund mit riesigem Maul und unendlich großen Zähnen; fletschend, knurrend.

Als Kind zu behaupten, man hätte eine hohe Schmerztoleranz, ist eine gewagte Hypothese. Unschuldige Kindesprovokationen können nicht erahnen, in welcher Art Schmerz Unschuld gestohlen werden kann, in welcher Intensität sich zerfetzte Genitalien in jede Pore des Seins ausbreiten können. Sie wachsen nicht nur mit jedem Jahr, sie wachsen mit jedem Stoß, jedem Stöhnen, jedem ungehörten Hilfeschrei.
Mein Kopf ist ein Alptraum, weil ich mich nicht erinnere, doch mich erinnere. Meine von Sorgen belagerte Insomia flammt wieder auf, sehr wütend und tobend. Onyx-Nebel umschließt den Raum gibt lediglich Platz für flüchtige Ausreißer-Gedanken. Meine bleiernden Augenlider können keine Buchstaben mehr sehen, so bleibt mein Kopf bei Hauptsätzen mit Prädikat und Objekt.
Ich bin verwirrt. 
Ich sorge mich. 
Ich bin furchtbar traurig. 
Ich habe Angst.
Ich bin schuldig. 
Ich bin widerlich. 
Ich bin benutzt und weggeworfen worden. 


Doch irgendwann bemannt auch mich der Schlaf. Selbst für Alpträume bin ich dankbar, denn sie lösen Reaktionen aus. Der Schweiß und der stockende Atem sind mehr als das Gewöhnliche. Die Schreckensträne auf der Wange ist so viel bedeutsamer als 5 Stunden abgestandener Tee am Morgen und einen rebellierenden Magen. An vielen Tagen kann ich mich nicht dazu bringen, eine ganze Mahlzeit zu essen - ohne danach ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich versuche ja nicht so abstoßend zu sein wie ich bin. (Zwischen meinen Ohren hallt Kinderlachen; Beleidigungen, Erniedrigungen. Denn ich bin nicht gut genug. Ich bin zu viel.) 

Nur ihn, nur ihn möchte ich vergessen. Keine Therapien oder gut-gemeinte Worte, die Menschen wie mich nur im Kreise drehen lassen. Diese Hände, diesen Mund, diesen .... muss ich vergessen. Seine Macht greift seit Jahrzehnten über mich. Zerstört. All das hier... diese zusammenhangslosen Texte... dieses blutende Herz... all das ist ein Trümmerfeld, auf dem er gewütet hat. Dabei möchte ich auch nur jemanden Liebe geben können, ohne ihn ihm Gegenzug emotional aus zu saugen, Ich möchte diesen Einem in die Augen schauen können ohne an Schmerz erinnert zu werden. 

Dieses Mal sind es wahre Tränen. 
Aufgrund verlorener Hoffnung? 
Mitleid? Resignation?

Freitag, 12. Januar 2018

Metaphern

Warum muss immer alles in Metaphern geschrieben sein?
Warum muss alles so schwer verständlich gemacht werden?
Sie geben niemals Ruhe,
sie lasse mich nie in Ruh'.

Sonntag, 7. Januar 2018

Das Gegenteil von Sehnsucht

Was wäre, wenn er mich vergessen hat? Denn das glaube ich und es verfolgt mich, obwohl ich nicht in Worte fassen kann wie unangenehm dies für mich ist. Immerhin habe auch ich ihn schon einige Tage vergessen können - wollen, zwangsmäßig müssen.
Doch dann kommen diese Momente, in denen ich ihn in meinen Knochen spüre - wie eine Krankheit, die auf meinem Puls bis zu meinem Herz reitet. Dort sitzt er auch, schwer und unwillkommen, und er fällt mir schwer zu atmen, denn ich kann den Schwall aus Erinnerungen in meinem Kopf nicht stumm schalten. "Schließ die Augen", sage ich mir. "Zähle von Zehn zu Null - und atme ruhig aus. Er ist Kilometer und Jahre entfernt."
Am nächsten Morgen erwache ich mit einer trockenen Zunge, einer Ausgehöhltheit in meinem Magen und mit seinem Schatten über meiner Stirn.

Er ist meine saisonal affektive Störung: Im Winter ist er das schwindende Sonnenlicht. Fühlend wie die Kälte durch die Fingerspitzen gleitet, lähmt und schmerzt, erinnert mich alles an die Einblicke in sein Seelenleben. Karg, auf eine bestimmte Art und Weise, lebenslos - regunglos, ich liege im Bett und starre an die Decke. Viel Stoff umhüllt mich und auch die Heizung erwärmt die Umgebung, doch der Gedanke an ihn lässt mich frieren.
Da liege ich nun, zitternd, und finde es lediglich erstaunlich, dass nichts nach Plan läuft; beziehungsweise ein Plan immer der falsche ist. Wieso, wieso um alles in der Welt, vermisse ich den größten Alptraum meines Lebens? Warum möchte ich den Inbegriff meines Leidens wieder sehen? Selbstbestrafung? Auflastung alter Sünden? Bestätigung, dass dies alles nicht erlogen ist? Um zu sehen, dass die Vergangenheit bisher immer nur die Zukunft verbaut hat?
Oft kann ich meine eigenen Stimme wie ein Echolot verhallen hören: "Hilfe, hilfe, ich brauche Hilfe." Doch ist man kein Prophet, scheucht man andere Menschen lediglich auf. Distanz schaffen, um genug Zeit zu stehlen, um die Betonmauern höher zu bauen.
Er hatte damit recht, dass er recht haben wird - mein Herz ist gebrochen. Nicht nur das, mein Ich, mein Sein - Scherbentrümmer im Fiebertraum.

Im Sommer fühle ich mich lächerlich, mir die Stimmung mit seinem Namen zu ruinieren. Natürlich weiß ich aber, dass ich es bin, der die Hand ausstreckt - imaginär. Er hat mich bereits vergessen. Sicherlich sollte es nicht so weh tun. Immerhin habe ich Jahre mit Therapeuten und Pschologen verbracht, habe tausende Worte gehört, die mich erreicht, aber selten berührt haben; all diese Zeit, diese vergeudeten Minuten... wie gerne würde ich sie aufgeben für den einen Moment, an dem du mir zu hauchst, dass es tut leid tut.

Freitag, 5. Januar 2018

Anemophobie

Mit deinen Fingern kämmst du Glassplitter aus meinen Haaren,
teilst stille und wackelige Lächeln.
Sonnenuntergangs-Gesicht spiegelt die stürmenden Winde,
der zwar vorüber,
doch nie vorbei.



Samstag, 16. Dezember 2017

Sieben Tage

Ein Haufen ohnmächtiger, weißer Glieder
verstrichen auf einer roten Leinwand
aus Bettwäsche, gebrochenen Knochen und gesplitterten Herzen.

Montag.
Sie erwacht mit verschmierten Eyeliner und
Tränen auf den Wangen.
Die Fensterscheiben getrübt von falschen Versprechungen.
In Ironie würde sie lächeln,
aber die Fehler anderer Leute ungeschehen machen?
Nein. Das vermag sie nicht.

Dienstag.
In einem alternativen Universum leben detailgetreue Abbilder unserer Selbst;
Zwillinge, sozusagen.
Wenn sie dort einen schrecklichen Fehler machen,
werden wir hier dafür bestraft, da ist sie sich sicher.
Nur so kann sie sich erklären, warum nichts im Leben fair abläuft.

Ihr würde es nichts ausmachen, wenn das Leben ein Spiel
auf Wirksamkeitsbasis
im Zufallsprinzip wäre.
Jedoch nur, wenn sie mehr Glück hätte.
Und der Zwilling aus der anderen Dimension natürlich.

Mittwoch.
Wenn ein unechtes Lächeln ihr
neue Herzen
kaufen könnte,
müsste sie dann auch aufhören,
sich zu beschweren?

Können Lächeln eigentlich irgendwas kaufen?

Donnerstag.
Wenn man ohne den Willen zu Leben einschläft,
ist dies gleichzusetzen mit einem Todeswunsch?
"Bitte Gott, lösche mich permanent aus", flüstert sie
ihren gefalteten Händen entgegen.

Freitag.

Apathisch und reuevoll geht die Sonne auf.
Wäre er bei ihr, könnte er ihre Wangen küssen und ihre
kalten Finger unter der Decke wärmen, halten;
doch sie wacht alleine auf,
doch sie wacht lebendig auf,
doch sie wacht auf.


Samstag.

Im Park sieht sie kleinen Mädchen beim Spielen zu.
Lautes kindliches Gelächter in gelb-rosa Kleidchen -
jedes Mal, wenn sie die Luft einatmen, wollen sie diese auch dort,

Sonntag.
Es wird einfacher, wenn man sie sich einredet,
er sei gestorben.
Traurigerweise scheint die Option des Todes weniger
schmerzhaft
als der Gedanke daran, dass er gewählt hat,
sie zu verlassen.

"Für meine frühere Liebe, meinen besten Freund; er kam bei einem fatalen Unfall              
durch die Kollision zweier Herzen ums Leben. Ich war der einzige Überlebende."

In Wahrheit jedoch...
ist auch sie gestorben.