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Dienstag, 17. Januar 2017

Zu isoliert

Berührungs-hungrige Hüftknochen
entsinnen sich an alten Textnachrichten
und unvollständig komponierte Notizbücher.
Sie streiten mit sich selbst
über Selbsterhaltung und Triebe
in räuberischer Wildnis.
Halb so sicher wie die Zurückgezogenheit
der eigenen vier Wände,
doppelt so sicher wie die Privatsphäre
in eben dieser.

Wildvögel rufen sie von verstecken Orten
inmitten von Angst und Hoffnung,
unergründlich grundlos. Unerfindlich finderlos.

Ruhige Hände lassen das Zentrum fallen,
um Wuderstreben zu halten,
mit Stiften fest zu halten.
Während Draußen mit Schrecken
und Verlockung
wartet, wartet, wartet,
wachsen hier verzichtende Lächeln
gleich der Bitte nach einem neuen Leben,
wenigstens anderer Umstände.

Sonntag, 15. Januar 2017

Das Sterben verlernen

Der Raum zwischen Vorhaben
und Untätigkeit wurde redefiniert:
Sie sagen, der erste Schritt zur Traurigkeit
sei Glücklichsein.
Der zweite Schritt wäre
Verlust zu lernen,
vom Verlust zu lernen.
Sie sagen, Depression sei
eine Abundanz der Emotionslosigkeit,
doch wir sind lediglich
deflationiert durch die Zeit;
wie ein Ballon, der sich
Sekunde um Sekunde
verschmälert.
sich stetig ändert und doch
eigentlich
nur in seine Ursprungsform zurückkehrt.
Jahr frisst Jahrt.

"Er ertrank bevor er das Meer erreichte",
erklärte die träumende Liebe
und meinte den Friedhof, der tiefer
als tausende Seemeilen liegt.
Denn so ist es nun einmal für
Menschen wie uns:
Wir weinen um die jenen,
die es wert wären.
vergessen worden zu sein.

(Um die Mädchen, die nicht genug
Schlaftabletten nehmen. um ihre
Träume wahr werden zu lassen.)

(Um die Jungs, die von ihrem Unvermögen
zu leben so zugedröhnt sind, dass
sie ihnen niemanden mehr ein
Wort glaubt.)

(Um die Mädchen mit Geisterlächeln,
benannt nach Gebeten, für die sie geboren wurden;
unzurechnungsfähig.)

(Um die Jungs, die lügen wie Engel und
weinen wie Gefallene - vor einem Monitor
mit Monition und Isolation.)

(Und sich selbst, selbst, selbst.)

Schwerkraft schnürt ihm die Kehle zu,
natürlich auch das immer-wachsende
Gewicht von Unzulänglichkeit,
die Masse zwischen Missverhältnis
und ungenügendem Gegendruck.

"Er hat überlebt",
sagen sie. Immerhin ist
nichts so schön wie Nichts,
wenn man es von außen betrachtet.
Sie wissen immer noch nicht,
was sie tun.
Selbsthass ist standartisiert
wie Depression und Angst
als Bausteine.
Er setzt die einzelne Stücke
für ein anderes Leben zusammen.
Ja, sie sagen, er wäre zu
zynisch, doch Hoffnung stirbt zu-guter-letzt.

Er ist allein,
doch lernt erneut zu atmen.
Er ertrinkt mit dem Kopf
über Wasser,
in den Tränen der Toten,
die man hätte retten
können/müssen/sollen.

Er ist nicht zu zynisch,
nur ein Ballon, der zu seiner
Ursprungsform
zurück kehrt.


Samstag, 14. Januar 2017

Bald

Dieser Tag ist eine sechs-Wort-Geschichte:
Ich bin müde davon, sterbend aufzuwachen.

Bald
werde ich jegliche
Unsicherheit und Angst aus
dir heraus pellen,
sie zu Boden fallen sehen
wie Vodka-Mosaik.

Bald
werde ich dich nackt
und wiedergeboren sehen
bevor du erneut zerbrichst
in passiv-aggressiven, doch poetischen
Widmungen und nicht abgeschickten Briefen.
Saurer Atem
und der erste Schritt nach vorn.

Bald
werde ich dich hassen und lieben
und das aus dem
selben,
alten,
verdammten
Grund. 

Dienstag, 10. Januar 2017

Kafka ist tot, mir ist das auch nicht rätselhaft

Wer im Herbst keine Tulpen pflanzt, braucht im Frühling keine Tulpen zu erwarten.
Wie dumm von mir, wieso betrauere ich stets einen leeren Garten?
Die buntesten Flächen wie in Amsterdam -
im kalten Dreck kniend. Die Hände gefaltet, jedoch nicht zum Gebet.
Es besteht immer die Gefahr, diesen ausdruckslosen Schmerz zu spüren, der etwas nichts zu besitzen mit sich bringt. Diesen unbedeutenden Juckreiz, dessen Besserung zwei Jahreszeiten voraus lag.

Wenn Gott mich hört, oder die Blumen, oder ein Holzschuh, oder der Kalender,
soll er oder sollen sie wissen, dass ich Heimweh habe. Nach der Stadt Amsterdam, die ich nie besuchte, und doch wie deinen Namen, sehnsuchtsvoll erblicken kann.


Offen gestanden habe ich nicht ein all zu großes Interesse in Amsterdam. Nicht größer als ein Besuch in Reykjavik, Rotorua oder Kyoto, denn es ist 3:30 Uhr am Morgen. Diese Nacht habe ich noch kein Auge zugemacht. Könnte ich die Lider geschlossen halten, kännte ich ein Kind sein. Ich würde mir mit der Zunge über die hohle Stelle fahren, an der noch am Vorabend mein Zahn war. Würde untersuchen und bohren, nicht einmal bemerken, dass die offene Wunde pure Atrophie bedeutet.

Jetzt greifen müde, kranke Finger in die Dunkelheit. Fühlen nichts außer Leere und den erwähnten Schmerz des Vermissen. Etwas fehlt. Denn ich bin kein Kind mehr und es gibt immer klaffendere Wunden als einen verlorenen Milchzahn. Etwas fehlt.
Wunden.
Es ist nur - sollte ich tatsächlich die 30 erreichen, kenne ich die Landschaft mitsamt Frost und Blüte meiner Gedanken besser als ich sollte, sah den Abgrund ozeanischer Tiefen genauer als ich müsste und lernte Menschen, die ich nie traf, ausführlicher kennen als ich wollte.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Skeletterschütterung

Ich hätte mir die Zunge entfernen lassen sollen, denn dann könnte ich wohl immer noch Worte bluten wie in Leere ertrinken. Die Augen kommen danach. Wer möchte schon die Umstände sehen, die einen dazu zwingen, den eigenen Magen zu schmecken?
Der Körper ist noch vollständig, also das Skelett - wenn er sich auch nicht immer so anfühlt. Eigentlich hätte ich wissen sollen, dass etwas nicht stimmt, als die Säure meine Kehle nicht zum brennen brachte.
All die Leute, die keine Knochen haben, kriechen nun immer in meinen Körper, weil sie keinen Ort haben, an dem sie Leben können. Wie ich wünschte, ich könnte ihnen ein gemütlicheres Heim bieten. (Doch Häuser brauchen eine ordentliche Grundierung und stützende Wände; einen Sinn von Schutz. Wer kann sie ohne das vor sich selbst schützen? Wer kann sie ohne das vor mir schützen?)

Direkt vor uns sterben Menschen. Niemanden interessiert das. Was in mir die Frage aufwirft, ob diese angerzogene Empathie-Verarmung genau das ist, was der Tod von uns erwartet. Was soll uns diese Welt, dieses Leben, auch schon geben, wenn wir sie lediglich mit Ignoranz und Fluchtverhalten belustigen? (Übrigens sind weder Handflächen noch Fäuste die Versuchung wert. Es gibt angenehmeres und - Weiß Gott! - schlimmeres.)
Nicht einmal der essgestörte Teil in mir weist noch Kampfessinn auf. Ich bin der klischeehaften Halbherzigkeit von Bekannten sowie Unbekannten leid. Beginnend von "Du wirst schon wieder" bis hin zu "Es ist deine eigene Schuld", repetitiv in meinen Schädel gehämmert: Bis da kein Glaube, kein Verstand, keine Hoffnung mehr auftaucht. Sie sollen ihren gut-gemeinten Rat bei sich behalten, wenn sie gar nicht verstehen, wovon sie reden. (Und ihre Hände! Sie müssen dringend ihre Hände bei sich lassen!)

Es ist unaussprechlich bescheuert, dass ich mich immer frage, woher diese blauen Flecken stammen. Du kannst überfahren werden, du kannst in der Nacht von einem Triebtäter erdrosselt werden, das Dach kann über dir einstürzen - letztendlich machen sie dich immer schuld.
"Sie haben lediglich ein schwaches Bindegewebe", sagt der Arzt über meine blauen Flecken. Es ist seltsam, dass er nicht gesehen hat, dass ich mit das Wort "Hilfe" in die Haut geschnitten habe. Mmmhhh...

Ich fühle Menschen in mir kriechen. (Der Gedanke an Nahrung macht mir Angst.)